Urologie
Miktionsbeschwerden: Diagnose
Normaler Blasenstatus
Fassungsvermögen der Blase bei jungem Mann 350 bis 450 ml, Entleerung in 20-30 Sekunden, Miktion 4-5x täglich.
Fassungsvermögen bei der Frau etwas größer, Miktion ca. alle 5-7 Stunden. Miktion in der Nacht nur bei übermäßiger Flüssigkeitszufuhr am Abend.
Tagesmiktionsfrequenz sehr variabel und abhängig von der Trinkmenge (bis 5-mal), keine Miktion nachts (außer bei hoher Flüssigkeitszufuhr oder medikamentös [Diuretika] oder bei entsprechender Grundkrankheit: kardiale Erkrankungen, Diabetes mellitus, Diabetes insipidus u. a. = nächtliche Polyurie, Nykturie).
Bestimmte urologische und neurologische Erkrankungen gehen mit Beschwerden beim Wasserlassen (Miktion) einher.
Dysurie (erschwerte Miktion)
"Schlecht Harnen" wie erschwerte Miktion, schmerzhafte und krampfartige Blasenentleerung, häufig begleitet von Mitverwendung der Bauchpresse, Schütteln und Zupfen am Glied, Urinieren im Sitzen.
Initiale Dysurie
Ursachen
Harnröhre: Obstruktion, Urethritis, Fremdkörper, Striktur, Tumor der Harnröhre
Blase: Zystitis (akute, chronische, Strahlenblase, Schrumpfblase), Tumor, Stein, Fremdkörper, Divertikel der Blase, Blasen-Scheiden- und Blasen-Mastdarm-Fisteln
Terminale Dysurie
Reizblase, Prostata-Urethritis (Adnexitis), Phimosen und Balanitis
Kompensation: Durch Hypertrophie der Blasenmuskulatur
Dekompensation (akut): Komplette Harnretention
Dekompensation chronisch:
|
Zunehmende Restharnbildung (unbemerkt)
|
|
|
|
Überlaufblase/Ischuria paradoxa
|
|
|
|
Rückstau
|
|
|
|
Hydronephrose
|
|
|
|
Niereninsuffizienz/Schrumpfniere
|
Die chronische Retention mit allmählich zunehmender Blasenkapazität bzw. Blasenüberdehnung ist ein häufig langsam fortschreitender Prozess mit entsprechendem Gewöhnungseffekt und wird u. U. auch vom intelligenten Patienten nicht erkannt (häufigste Ursache: Prostataadenom).
Algurie (schmerzhafte Miktion)
Schmerzen bei der Miktion; Hauptursachen: unterer Harnwegsinfekt (Urethritis, Zystitis, Prostatitis), Urethra-Blasenfremdkörper
Strangurie
Imperativer Harndrang, der eine krampfartige, nicht verhaltbare, mit Schmerzen einhergehende Blasenentleerung auslöst. Ursachen: Obstruktion der unteren Harnwege mit Begleitentzündung, z. B. Prostataabszess, interstitielle Zystitis (Blasenentzündung, bei der auch die tiefen Wandschichten mit befallen sind)
Pollakisurie
Miktion häufiger als normal
Diurie (Pollakisurie am Tag)
vermehrter Harndrang bei Prostatakongestion (Prostatodynie), Zystitis, Reizblase, Urethritis (Frau)
Nykturie (Pollakisurie [bei Tag und] bei Nacht)
Ursachen
- entzündliche Erkrankungen der Harnblase, Prostata, Harnröhre
- Blasensteine und andere Fremdkörper
- verminderte Blasenkapazität oder nervöses Leiden
- Blasenentleerungsstörung bei Prostatahyperplasie oder -karzinom
- Harnröhrenstriktur, meist mit imperativem Harndrang
- Diabetes, Niereninsuffizienz
Inkontinenz
Echte (totale) Inkontinenz
permanenter, nicht kontrollierbarer Harnverlust
Ursachen
- Sphinkterläsion (traumatisch-iatrogen)
- neurogen (bei hochgradiger Zerebralsklerose nach Prostataoperation)
Falsche Inkontinenz: Ischuria paradoxa
Ursachen
- Überlaufblase bei chronischer Obstruktion (z. B. Prostatahyperplasie)
- ektop mündende Harnleiter (Uretermündungsektopie distal des Sphinkter, z. B. in der Urethra, Vagina)
- Blasen-Scheiden-Fistel
- Harnleiter-Scheiden-Fistel (gynäkologische Operationskomplikation)
Stressinkontinenz
Häufigste Inkontinenzform der Frau, insbesondere nach mehreren Geburten. Ursache: Sphinkter- bzw. Beckenbodenschwäche. Insuffizienter Blasenverschluss meist keine direkte Schädigung des Sphinkters, sondern des Aufhängeapparates im Blasenhalsbereich. Bei abdominaler Druckerhöhung wie Husten, Niesen, Lachen (Stress) kommt es auch zu einem Druckanstieg in der Blase, der dann durch den Verschlussapparat nicht mehr kontrolliert werden kann. Folge: Abgang von Urin.
Verschiedene Schweregrade
I. nur bei Husten, Pressen, Niesen
II. auch bei schneller Bewegung
III. auch in Ruhe, aber nicht im Liegen
Dranginkontinenz oder Urge-Inkontinenz
Bei intaktem Sphinktermechanismus erhöhter Druck in der Blase, der nicht zurückgehalten werden kann. Oft mit imperativem Harndrang verbunden.
Diagnostik
Die angeführten Symptome treten selten solitär, sondern meist in verschiedenen Kombinationen auf und sind mit Anamnese, Labor und klinischem Status nicht komplett abzuklären. Es ist prinzipiell eine fachärztliche Untersuchung (Urologie/Gynäkologie/Neurologie) erforderlich.
- bildgebende Verfahren (Sonographie, CT)
- Miktionszysturethrogramm (Urodynamik), Miktionsleistung (entleerte Urinmenge/Zeiteinheit, messbar mit Stoppuhr, Messglas oder Uroflowmetrie und Beobachtung des Harnstrahls - auch vom Hausarzt durchführbar; Miktionsleistung herabgesetzt z.B. bei Prostatahyperplasie [Harnstrahl zuerst kräftig, rasche Abnahme und kurzes Nachträufeln]) oder bei Harnröhrenstenose bei Männern (scharfer Harnstrahl, der lange gleichmäßig anhält, plötzlich abbricht und sich in Tropfen auflöst)
- urodynamische und neurologische Untersuchung
Akute komplette Harnretention (Harnverhalten)
Ursachen
- Kongestion (Anschwellen) der Prostata beim Adenom, selten bei Karzinom oder Prostatitis
- psychisch
- plötzliche Obstruktion der Harnröhre durch Fremdkörper wie Stein, Blutkoagel u. a.
- neurogen und sympathikoton ("Stress")
Chronische, inkomplette Harnretention
(Überlaufblase)
Ursachen
- Prostatahyperplasie
- Prostatakarzinom
- intravesikale organische Obstruktion
Neurogene Blasenentleerungsstörungen
Ursachen
- Multiple Sklerose bzw. Encephalitis disseminata
- Rückenmarksverletzungen, Kreuzbeinaplasie, Querschnittlähmung
- Tabes dorsalis (Rückenmarkschwindsucht bei Syphilis)
- subvesikales Hindernis am Blasenhals oder Beckenboden (Detrusor-Dyssynergie)








